Der Kol­laps der Insek­ten­bio­masse in Europa: Das Aus­mass der Katas­tro­phe wurde nun wis­senschaftlich nachgewiesen.

Der englis­che «Guardian» spricht vom ökol­o­gis­chen Armaged­don. Das Papil­io­ra­ma in Kerz­ers spricht seit Jahren immer wieder davon: die Insek­ten­pop­u­la­tio­nen sind in den let­zten drei Jahrzehn­ten regel­recht zusam­menge­brochen. Viele von uns haben dies in den let­zten Jahren schon sel­ber beobachtet; keine um Lam­p­en kreisende Nacht­fal­ter mehr, keine Tag­fal­ter mehr über den Wiesen. Auss­er eini­gen weni­gen Exem­plaren der häu­fig­sten Arten. Mit den Insek­ten ver­schwinden – wegen fehlen­der Nahrung- auch die Vogelpop­u­la­tio­nen und die Amphi­bi­en. Es wird Zeit für die Schweiz, einen Par­a­dig­men­wech­sel zu vol­lziehen und den Gebrauch von Pes­tiziden zu stop­pen.

Eine Studie über die fliegen­den Insek­ten von 63 Naturschutzge­bi­eten in Deutsch­land hat gezeigt, dass die Gesamt­masse seit 1989 um 76 % abgenom­men hat. Die Wis­senschaftler des ento­mol­o­gis­chen Vere­ins von Krefeld in Deutsch­land (Daten­samm­lun­gen) und diejeni­gen der Uni­ver­sität Rad­boud in Nijmegen (sta­tis­tis­che Analy­sen) haben in Zusam­me­nar­beit mit den Wis­senschaftlern der «Task Force Sys­temis­che Pes­tizide» ins­beson­dere Prof. Dave Goul­son (Vere­inigtes Kön­i­gre­ich), diese über fast dreis­sig Jahre gesam­melten Dat­en, auswerten kön­nen.

Sind die Fol­gen der Abnahme in sich noch nicht bewiesen, so ist doch klar, dass wed­er Verän­derun­gen der Leben­sräume (die Naturschutzge­bi­ete wer­den sehr sorgfältig geführt), noch kli­ma­tis­che Verän­derun­gen ver­ant­wortlich sind. Die Kor­re­la­tion zwis­chen dem Mark­tein­tritt der Neonikoti­noide anfangs der neun­ziger Jahre (neu­ro­tox­isch, vielfach präven­tiv ver­wen­det, machen die Pflanzen tox­isch für Insek­ten) und der gemesse­nen Abnahme der Insek­ten­bio­masse kann ganz klar kein Zufall sein. Die Neonikoti­noide sind heute die meist­be­nutzten Insek­tizide der Welt.

Die Pub­lika­tion der Studie im Mag­a­zin «Plos One» hat­te den Effekt ein­er Bombe: Die Insek­ten stellen die Verbindung zwis­chen dem Boden, den Pflanzen und den Tieren dar. Sie spie­len eine fun­da­men­tale ökol­o­gis­che Rolle auf allen denkbaren Stufen: Trans­for­ma­tion von leben­der Materie, Nahrungs­grund­lage für alle Insek­ten­fress­er, uner­set­zbare Bestäu­ber für Pflanzen (auch in der Land­wirtschaft). Der Zusam­men­bruch der Insek­ten­pop­u­la­tio­nen wird Kon­se­quen­zen haben, welche heute noch nicht abse­hbar sind.

2008 hat Maarten Bijleveld, Grün­der des Papil­io­ra­ma in Kerz­ers, zusam­men mit dem berühmten Öko­toxikolo­gen François Ramade und dem ehe­ma­li­gen Direk­tor des naturhis­torischen Muse­ums in Lau­sanne, Pierre Goeldlin, die «Task Force Sys­temis­che Pes­tizide (TFSP)» unter der Ägide der «Inter­na­tion­al Union for Con­ser­va­tion of Nature (IUCN)» gegrün­det. Dieses rein wis­senschaftliche Pan­el vere­inigt heute weltweit ver­schiedene Forsch­er aus 21 Natio­nen und vier Kon­ti­nen­ten. Die TFSP hat 2015 weltweit die erste Meta­Analyse über sys­temis­che Pes­tizide (zu welchen die Neonikoti­noide gehören) und deren Auswirkun­gen auf die Fau­na veröf­fentlicht. Diese bein­hal­tet auch ver­schiedene Stu­di­en, welche ein­deutig den neg­a­tiv­en Ein­fluss der Insek­tizide auf die Bienen nach­weist.

Diese weltweite inte­gri­erte Umwelt­be­w­er­tung (World­wide Inte­grat­ed Assess­ment, WIA) über die Auswirkun­gen der sys­temis­chen Pes­tizide auf die Bio­di­ver­sität und die Ökosys­teme ist eine Syn­these von 1’121 Stu­di­en, welche in den Jahren 2010 – 2015 in Fachzeitschriften veröf­fentlicht wur­den; inklu­sive der Stu­di­en, welche durch die Agro­chemie finanziert wur­den. Es han­delt sich um die bish­er kom­pletteste Studie über Neonikoti­noide, allerd­ings auch um die einzige umfassende Arbeit zu diesem The­ma. Kür­zlich wurde sie aktu­al­isiert und sie wird bald pub­liziert. Bei­de Ver­sio­nen sind frei und öffentlich ver­füg­bar. Kür­zlich hat auch die Studie von Prof. Edward Mitchell der Uni­ver­sität Neuchâ­tel über den Nach­weis von Neonikoti­noiden in prak­tisch allen Honi­gen der Welt grossen Lärm verur­sacht.

Cas­par Bijleveld, Direk­tor des Papil­io­ra­ma, ist sehr beun­ruhigt über diesen Rück­gang der Insek­ten­bio­masse, welchen er seit zwei Jahrzehn­ten anprangert. Wird die heutige Entwick­lung nicht eingedämmt, wer­den wir in den näch­sten Jahrzehn­ten noch ein­mal 75 % der verbliebe­nen 25 % ver­lieren. Ein Phänomen, welch­es sich sog­ar noch beschle­u­ni­gen kön­nte, da durch die immer gerin­gere Pop­u­la­tions­dichte die Fortpflanzungs­fähigkeit der Insek­ten zusät­zlich ver­min­dert wer­den kön­nte.

Der Ver­lust der Insek­ten ist ein «point of no return», welchen man sich bess­er nicht vorstellt. Deshalb engagiert sich Cas­par Bijleveld mit der Stiftung Papil­io­ra­ma für das Zusam­men­tra­gen von Unter­schriften für die Ini­tia­tive «Für eine Schweiz frei von syn­thetis­chen Pes­tiziden». Nicht alleine aus Liebe zu den Insek­ten, son­dern vor allem aus Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl gegenüber den kom­menden Gen­er­a­tio­nen.

Shipstern

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