So geht die Geschichte von Carl weit­er …

Carl suchte und suchte und suchte, er war ganz verzweifelt. Seine Lip­pen schmeck­ten salzig, warme Trä­nen liefen im die Back­en hin­unter. Er drehte sich und ran­nte zurück. “MAMA! PAPA!” Er ran­nte wie der Wind. “ Da bist du ja endlich! Na warte, ich – “ Seine schimpfende Mut­ter ver­stimmte plöt­zlich, als sie sah, dass Carl ganz verquol­lene Augen hat­te. “Was ist denn…” “MAMA, dudu musst mir helfen, ich habe immer , also weisst du, ich habe sie ver­loren, ein­fach plöt­zlich, du, hilf mir suchen!” Sie ver­stand kein Wort. “Was ist passiert Carl?” “Du musst mir helfen, ich weiss nicht wo sie ist!” “Carl, jet­zt atmest du ganz tief durch und erzählst mir ruhig, was genau passiert ist.” Carl sog die Luft ein und begann, nach­dem er sich etwas beruhigt hat­te, zu erzählen. Er erzählte von der kleinen, dick­en, stach­li­gen Raupe; er erzählte, dass er eingeschlafen war und erzählte von seinem Schock als am Mor­gen die Raupe nicht mehr da war. “Und dann bin ich so schnell ich kon­nte zu dir ger­an­nt. Du musst mir helfen Mama, ich muss die Raupe wiederfind­en!”

Carl und seine Mut­ter macht­en sich auf den Weg. ‘Wie sage ich Carl nur, dass ein Vogel die Raupe gefressen hat?’, dachte sich die Mut­ter, als Carl schon rief:

Da, genau an dieser Dis­tel war die Raupe! Genau hier! Aber sie ist weg!”

Carl, weisst du, ich denke, dass…”

Irgend­wo hier muss sie doch sein!” “Carl, ich denke, dass ein Vogel…”

Mama, jet­zt hilf mir doch suchen!”

Also gut!”

Sie fin­gen an zu suchen. Jedes Pflänzchen dreht­en sie um, jed­er Stein wurde über­prüft, mehrmals rief Carl “da, ich hab’ sie!” nur um dann zu merken “ah, schon wieder nur ein Stöck­lein.” Es war zum Mäusemelken! Nir­gends war diese Raupe zu find­en.

Zur gle­ichen Zeit, auf einem Baum neben­dran: “Sie mal Sylvie, die zwei suchen immer noch!” Brun­hilde die Wal­dameise drehte sich zu ihrer     Schwest­er Sylvie um. “Waf fuchen fie denn?”, fragte Sylvie, die ger­ade  ein riesiges Stück Blatt zwis­chen ihren Kiefern trug. “Sie suchen Gus­tav die Raupe”, meinte Brun­hilde. “Aber fie ift ja fon lange feine Raupe mehh!”, rief Sylvie belustigt. Brun­hilde lachte nur und nick­te.

Carl suchte immer noch verzweifelt alle Dis­teln ab. Irgend­wann gab er auf. Die Füsse tat­en ihm weh, er sah alles dop­pelt, seine Fin­ger hat­ten Kratzer von den Stacheln der Dis­teln, seine Haare waren von den Gras­samen ganz ver­filzt. Er set­zte sich neben die Dis­tel, auf der er die dicke, stach­lige Raupe gefun­den hat­te. “Es ist vor­bei! Sie ist endgültig weg. Fort, für immer!” Er legte sich trau­rig ins Gras und schaute in den Him­mel. In seinem Augen­winke sah er etwas leicht Glänzen­des, das hin und her schwank­te. Er schaute sich die Dis­tel noch mal genauer an. Genau dort wo er die dicke, stach­lige Raupe zulet­zt gese­hen hat­te, hing nun ein kleines, länglich­es Päck­lein. Dieses schim­merte gold­en im Licht der Sonne. “Mama, ich habe Gold gefun­den”, rief Carl begeis­tert, die Raupe war wieder vergessen.

Zur gle­ichen Zeit, auf einem Baum neben­dran: “Fieh mal Brufhilde, er meint, daf fei Gold! If laf mif flapp!” Sylvie liess vor lauter Lachen fast ihr Blatt fall­en.

Carl streck­te seine Hand nach dem kleinen Stück Gold aus und wollte es heim­nehmen. Da zap­pelte das Stück Gold wie wild und Carl zog erschreckt seine Hand zurück! “Was ist denn das?!”, rief er erstaunt aus. Er pack­te nun die ganze Dis­tel an den Wurzeln und nahm sie mit nach Hause. Dass er sich dabei fürchter­lich die Hand ein­schnitt merk­te er gar nicht, er war so fasziniert von dem kleinen gold­e­nen Päck­lein.

Jeden Tag schaute er nun nach dem Stück Gold auf der Dis­tel – er hat­te sie in einen Topf gle­ich neben seinem Bett gestellt. Immer wenn er das Päck­lein berührte zuck­te und wand es sich, so als ob es Carl abschüt­teln möchte. Jeden Mor­gen kon­trol­lierte er die Dis­tel, jeden Mor­gen zuck­te das Päckchen, immer das­selbe. Eines mor­gens sah Carl, dass das Päckchen dun­kler war und die Hülle ganz brüchig war. Das Ding schwang hin und her und zack! – die Hülle brach auf und ein schrumpliges, feucht­es Ding zog sich aus der Hülle her­aus. “ÄÄHHHH!”, schrie Carl. Das orange-schwarze schrumplige Etwas hängte sich an das Dis­tel­blatt und nun sah Carl endlich was es war: ein Schmetter­ling! Aber so kon­nte dieser ja gar nicht fliegen! Die flügel waren ganz feucht und klein und… Der Schmetter­ling bewegte seinen Rüs­sel hin und her, pumpte die Flügel auf und zeigte sich nun in sein­er ganzen Pracht. “Wow”, war alles was Carl noch her­aus­brachte. Er ver­gass wieder mal alles: Das Früh­stück, das auf ihn wartete, die Schule ver­gass er auch und seine Mut­ter, die ohne Pause «Carl! Carl, wo bist du? Komm Carl, es gibt bald Essen!» rief, hörte er noch weniger als damals, als er die Raupe auf der Dis­tel gefun­den hat­te. Nach ein­er Weile fing der Schmetter­ling an, mit den Flügeln zu schla­gen und Carl erwachte aus sein­er Träumerei. “Er fliegt!”, juchzte Carl. Er nahm die Dis­tel mit­samt Schmetter­ling, sauste die Treppe hinab, ran­nte an der ver­dutzten Mut­ter vor­bei in den Garten. Und schon flog der Schmetter­ling weg.

Zur gle­ichen Zeit, auf einem Baum neben­dran: “Hal­lo Guf­tav! Fön bift du gewor­den!” “Danke Sylvie!”

Carl ran­nte wieder hin­auf in sein Zim­mer. Seine Mut­ter stand immer noch mit offen­em Mund in der Küche, Carl aber hat­te keine Augen für sie – und Ohren erst recht nicht. Er stürzte in sein Zim­mer und suchte in seinem Pult, bis er das kleine Notizbuch gefun­den hat­te. ‘Das war also aus der dick­en, stach­li­gen Raupe gewor­den’, dachte er. ‘Ein wun­der­schön­er Dis­telfal­ter!’

Schon fing er an zu schreiben:

Hüpfend vor Schwe­belust, bestieg der Dis­telfal­ter
Die steile Leit­er. Und mit klugem Flügelschlag
Das Gle­ichgewicht erzie­lend, sprang er leicht und tänzel­nd
Die Stufen abwärts in den sonn’gen Blu­men­nim­bus.
Dort schaukelt’ er und ritt, ein luftig Per­pendikel,
Der Schön­heit selb­st­be­wußt und selb­st die Schön­heit schmück­end,
Saugend und hauchend in den knospenden Gehän­gen…

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